Translationale Forschung

PräventionTitelthema

Aktiv Vorsorgen

Krankheiten verhindern, ihre Folgen mildern oder ein Wiederauftreten vermeiden: das will Prävention. Je mehr man versteht, wie sich eine Erkrankung entwickelt, desto besser kann man ihr vorbeugen. Die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) ermöglichen durch ihre translationale Forschung verbesserte Präventionsmaßnahmen gegen die großen Volkskrankheiten.

„zu jeder Zeit unseres
Lebens entscheidet sich
immer wieder neu, ob eine
Krankheit entsteht
oder nicht – oder wie
sie weiter verläuft.

Zu jeder Zeit unseres Lebens

DDas ganze Leben erneuert sich unser Körper: Als Erwachsene verlieren wir täglich rund zehn Milliarden Zellen, die beschädigt oder verbraucht sind und Platz für frische machen. Dieser Alterungsprozess des Menschen beginnt bereits vor der Geburt. Und er bestimmt unser Schicksal mit: Zu jeder Zeit unseres Lebens entscheidet sich immer wieder neu, ob eine Krankheit entsteht oder nicht – oder wie sie weiter verläuft. Wenn diese Vorgänge von uns bewusst gelenkt werden, spricht man von Prävention. Ihr Potenzial ist enorm: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt unser gesundheitliches Schicksal beispielsweise zu etwa 30 Prozent als genetisch bedingt, zu etwa 70 Prozent können wir es selbst beeinflussen. Man kann diese Chance vertun oder sie nutzen.

Die natürlichen Reparaturmechanismen des Organismus werden von Genen gesteuert, aber zugleich auch zu einem großen Teil von unserem individuellen Lebensstil und Umweltfaktoren beeinflusst. Wir alle wissen, was uns helfen kann gesund zu bleiben: Gemüse essen, Stress reduzieren, ein gesundes Gewicht halten, zum Sport gehen, Zigaretten meiden und regelmäßig die Hände waschen. Doch Prävention umfasst in der Medizin weit mehr als diese Grundregeln für ein möglichst langes und krankheitsfreies Leben. Der Begriff steht für sämtliche Maßnahmen, mit denen Erkrankungen verhindert, früh erkannt oder ihr Fortschreiten eingedämmt werden können.

Maßgeschneiderte Therapiepläne

So gehört auch die Vorsorgeuntersuchung, bei der beispielsweise Darmkrebs schon im Anfangsstadium erkannt und gestoppt wird, zur Prävention. Ebenso wie die Impfung, die vor einer Viruserkrankung schützt, oder der maßgeschneiderte Trainingsplan, der Patienten nach einem Herzinfarkt gezielt vor weiteren lebensbedrohlichen Herzanfällen bewahren soll.

Präventive Maßnahmen können Krankheiten vermeiden, früh erkennen oder bremsen.

Um diese Werkzeuge der Prävention immer zuverlässiger und individueller gestalten zu können, braucht es breit angelegte klinisch orientierte Forschung, wie die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) sie machen. Denn je besser man eine Krankheit kennt, umso wirkungsvoller kann man ihr vorbeugen. Die sechs Zentren arbeiten deshalb intensiv daran, die Ursachen der Volkskrankheiten Krebs, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-, Infektions- und Lungenerkrankungen sowie neurodegenerative Erkrankungen zu durchdringen. Aus den Ergebnissen leiten sie neben Therapien auch Präventionsmaßnahmen ab.

Oftmals ist noch nicht klar, welcher Mensch von welcher Art der Vorbeugung besonders profitiert. Gerade bei den Volkskrankheiten können Maßnahmen, die auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind, große Erfolge erzielen. Zum Beispiel bei der Behandlung von Diabetes-Risiko-Patienten: In einer großen Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), an der sich mehrere Standorte in Deutschland beteiligten – eine sogenannte Multicenterstudie –, wurden unterschiedliche Vorstufen von Diabetes entdeckt. So zeigen einige Patienten innerhalb kurzer Zeit eine rasante Verschlechterung zum Vollbild des Diabetes, andere verbleiben lange im Vorstadium des Prädiabetes. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) untersucht, ob bei Kindern die Behandlung einer Allergie gegen Hausstaubmilben auch deren Asthma lindern kann.

Die Größe einer Studie kann ein wichtiger Faktor für deren Erfolg sein. Gerade wenn es darum geht zu erforschen, wie Krankheiten entstehen und warum sie bei einigen Menschen auftreten und bei anderen nicht oder einige besser auf Veränderungen im Lebensstil reagieren als andere, braucht es Tausende von Probanden. Die vielen Partner innerhalb der DZG machen solche großen Studien möglich.

Noch engere Zusammenarbeit

Eine weitere Stärke der DZG ist, dass sie auf Dauer angelegt sind – so können sie Forschungsvorhaben über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg fortführen. Beide Vorteile spielt die Rheinland Studie aus, die vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) initiiert wurde: Als eine der weltweit größten und innovativsten Gesundheitsstudien soll sie zeigen, welche Schutz- und Risikofaktoren die Gehirngesundheit von Erwachsenen über die gesamte Lebensspanne hinweg beeinflussen.

Die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung wollen in Zukunft auch noch enger zusammenarbeiten, um Strategien zu entwickeln, die gleich mehreren Krankheiten vorbeugen. Schließlich gibt es ganz offensichtliche Schnittmengen zwischen den einzelnen Forschungsgebieten: Viren können Krebs verursachen, Diabetes ist ein zentraler Risikofaktor für einige Krebsarten und Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Bewegungsmangel sowie Rauchen gehören zu den stärksten Risikofaktoren für Herz und Lunge.

Prävention hat in der Medizin eine lange Geschichte, auch wenn die Menschen über die wissenschaftlichen Grundlagen zunächst nicht viel wussten: So war beispielsweise schon die Kanalisation der alten Römer ein wichtiger Schritt zur Vorbeugung von Krankheiten. Die Pocken wurden durch die entsprechende Impfung ausgerottet. Gegen die aktuelle Bedrohung durch Ebola hat das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) eine Impfung mitentwickelt. Impfungen können sehr wirkungsvoll sein – sie müssen aber auch genutzt werden. Da in Europa die Masernerkrankungen stark ansteigen, hat die WHO Impfgegner vor Kurzem sogar zur globalen Bedrohung erklärt. Denn zu viele Menschen verzichten bewusst auf die Impfung, gefährden damit aber nicht nur sich, sondern auch andere, die sich nicht schützen können, etwa weil sie bestimmte Krankheiten haben oder zu jung sind.

Prävention ist aktiv

Aktive Prävention trägt dazu bei,
dass man ein bewussteres,
bewegteres und ausgefüllteres
Leben führen kann und dank
modernster Forschung immer
besser weiß, was einem selbst
guttut und helfen kann.

Auch das ist ein wichtiger Aspekt von Prävention: Die Maßnahmen müssen genutzt und umgesetzt werden, die Menschen müssen Verantwortung für sich übernehmen und ihr Verhalten ändern. Die Studien zur Darmkrebsvorsorge etwa, die das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) durchführt, wollen Stuhltests verbessern und eine individuellere Vorsorge möglich machen. Das verlangt von den Patienten, dass sie die Untersuchungen und Diagnosemöglichkeiten wahrnehmen. Prävention ist nicht passiv, sondern aktiv.

Wie die Selbstverantwortung der Patienten gestärkt werden kann, erforscht unter anderem das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf- Forschung (DZHK). Bei den Herz-Kreislauf- Erkrankungen ist das besonders wichtig, denn dort gibt es schließlich ganz eindeutige Belege dafür, dass ein Lebensstil mit Bewegung, Stressreduktion und gesunder Ernährung das eigene Risiko beispielsweise für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich senken kann.

Ob dann der einzelne Patient auch wirklich Sport macht, sich gesünder ernährt oder das Rauchen aufgibt, das liegt am Ende in seiner Verantwortung. Er entscheidet selbst, ob er Präventionsmaßnahmen nutzt. Doch das Wissen darüber ist wertvoll. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung ist es deshalb ein Anliegen, dass dieses Wissen die Menschen auch erreicht. Einen Beitrag dazu leistet das vorliegende Magazin.

Wer das Wissen anwendet, dessen Lebensqualität verbessert sich in der Regel spürbar: Aktive Prävention trägt dazu bei, dass man ein bewussteres, bewegteres und ausgefüllteres Leben führen kann und dank modernster Forschung immer besser weiß, was einem selbst guttut und helfen kann.

4 Phasen von Prävention im Modell

Wissenschaftliche Mitarbeit:
Prof. Sabina Ulbricht

Primordale Prävention

Ziele:

Für die Bevölkerung sollen Lebensverhältnisse, in denen sie gesund bleiben können, geschaffen, verbessert oder erhalten werden.

Angesprochen werden:

Die gesamte Bevölkerung sowie Akteure der Gesundheitspolitik.

Beispiele für Maßnahmen:

Gesetze zur Feinstaubreduktion oder zum Nichtraucherschutz.

Primärprävention

Ziele:

Konzepte zur Vorbeugung von Erkrankungen sollen entwickelt und umgesetzt werden – um zum Beispiel modifizierbare Risikofaktoren bei gesunden Menschen zu reduzieren.

Angesprochen werden:

Die gesamte Bevölkerung sowie spezifische Gruppen.

Beispiele für Maßnahmen:

Masernimpfung oder Freizeitsport.

Sekundärprävention

Ziele:

Krankheiten sollen schon im Frühstadium entdeckt werden, auch wenn sie vielleicht noch keine Symptome zeigen. Die Zahl manifester und fortgeschrittener Erkrankungen soll sinken.

Angesprochen werden:

Ausgewählte Personen und Hochrisikopatienten.

Beispiele für Maßnahmen:

Mammografie-Screening, Behandlung von Prädiabetes.

Ziele:

Das Fortschreiten von manifesten Erkrankungen oder deren Komplikationen soll verhindert werden.

Angesprochen werden:

Patienten mit klinisch manifester Erkrankung.

Beispiele für Maßnahmen:

Rehabilitation nach Herzinfarkt und Ernährungsumstellung bei Diabetes.

Auch interessant