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Viel hilft viel

Die Entdeckung von Diabetes-Subtypen ermöglicht künftig eine präzisere Prävention und Therapie.

Text: Monika Offenberger

Risikofaktoren für Diabetes

RAUCHEN, DER GENUSS VON ROTEM FLEISCH UND DIABETES IN DER FAMILIE ERHÖHEN DAS RISIKO, AN DIABETES ZU ERKRANKEN.

D„Diabetes? Ich doch nicht", denke ich. Ich trage Konfektionsgröße 38, rauche nicht und in meiner Familie ist niemand zuckerkank. Damit fallen bei mir drei Risikofaktoren für den Ausbruch dieser chronischen Erkrankung weg. Doch die Statistik lässt aufhorchen: In Deutschland leiden derzeit knapp sieben Millionen Menschen an der Volkskrankheit, jährlich bekommt eine halbe Million Menschen die Diagnose gestellt. Und: Geschätzt zwei Millionen sind unwissentlich betroffen – vielleicht auch ich?

Auf den Internetseiten des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) findet sich unter „drs.dife.de" ein Online-Fragebogen, mit dem man sein persönliches Risiko ermitteln kann, „innerhalb der nächsten fünf Jahre an einem Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) zu erkranken". Gesagt, getan. In weniger als zwei Minuten sind alle zehn Fragen beantwortet – und ich kann aufatmen: „Ihr Diabetes-Risiko ist noch niedrig", lautet mein persönliches Testergebnis. Dann folgen Empfehlungen, wie es sich weiter senken lässt: „Bewegen Sie sich regelmäßig, mindestens jedoch fünf Stunden in der Woche." Ertappt, ich treibe keinen Sport und sitze definitiv zu viel vor dem Bildschirm. Außerdem solle ich meinen Fleischkonsum überdenken, erklärt die Auswertung. Das Fazit: „Ihr Risiko wird in den kommenden Jahren mit fortschreitendem Alter steigen."

Beziehung zwischen Ernährung und Lebensstil

Das Alter lässt sich leider nicht beeinflussen. „Viele andere Faktoren sind aber sehr wohl modifizierbar, zum Beispiel Körpergewicht und Taillenumfang oder Fleischund Zigarettenkonsum", sagt Professor Matthias Schulze. Er forscht am DIfE zu den Beziehungen zwischen Ernährung, Lebensstil, biochemischen und genetischen Eigenschaften eines Menschen und dem Auftreten des Typ-2-Diabetes sowie dessen Folgeerkrankungen. Dazu nutzt der Ernährungswissenschaftler Methoden der Epidemiologie: Er betrachtet den Lebensweg sehr vieler Menschen über lange Zeiträume hinweg und versucht rückblickend zu ermitteln, warum einige von ihnen bestimmte Krankheiten entwickelt haben und andere nicht.

Zu seinen Testpersonen gehören 27.500 Frauen und Männer aus der Region Potsdam, die seit 1994 regelmäßig Auskunft über ihre Ernährungsgewohnheiten geben und ihren Gesundheitsstatus überprüfen lassen. 850 dieser anfangs gesunden Probanden waren im Mittel sieben Jahre nach Studienbeginn an Diabetes erkrankt. Mithilfe ihrer Daten entwickelte Matthias Schulze zusammen mit Kollegen vom DIfE und vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) den Diabetes-Risiko-Test.

Wie steht es um die Verlässlichkeit und Aussagekraft dieses Selbsttests? Um das zu prüfen, wurde er mit den Daten von cirka 42.000 Teilnehmern aus vier weiteren deutschen Langzeitstudien gefüttert. „Er kann mit hoher Präzision zwischen Personen unterscheiden, die später erkranken oder nicht erkranken. Und wir können nun eine Vorhersage für Personen im Alter zwischen 25 und 75 Jahren gewährleisten", betont Matthias Schulze. Dennoch bleibe eine Unschärfe, so der DIfE-Forscher: „Wir können nur Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Welche Person tatsächlich betroffen ist, lässt sich nicht mit Gewissheit vorhersagen. Wenn sie aber eine 40-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, in den nächsten fünf Jahren zu erkranken, wird es zwei von fünf Personen treffen, welche dieselben Merkmale aufweisen wie sie. Ob sie zu diesen Zwei gehören, lässt sich nicht sagen." Wem im Test ein erhöhtes oder hohes Erkrankungsrisiko bescheinigt wird, der sollte jedenfalls einen Arzt aufsuchen, rät Schulze: „Es ist durchaus möglich, dass Sie bereits an Diabetes erkrankt sind, ohne es zu wissen. Das lässt sich durch einen Bluttest ausschließen – oder aber aufdecken und behandeln."

Bewegung beugt vor

Bewegung beugt vor und kann Diabetes eindämmen – mindestens fünf Stunden pro Woche sollte man Sport treiben.

Stoffwechselerkrankung hat viele Gesichter

Um den Risiko-Test noch weiter zu verbessern, suchen Wissenschaftler am DZD nach Biomarkern und genetischen Elementen, die mit bestimmten Formen des Typ-2-Diabetes in Zusammenhang stehen sollen. Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt immer deutlicher: Diese Stoffwechselerkrankung hat viele Gesichter. Studien aus Skandinavien deuten darauf hin, dass es mehrere Untergruppen des Typ-2-Diabetes gibt. Unter Federführung des Deutschen Diabetes-Zentrums konnten Wissenschaftler aus mehreren DZD-Partner-Instituten sowie der Universität Lund in Schweden in einer Studie an 1.105 Patienten aus der Deutschen Diabetes Studie zeigen, dass es vier Cluster gibt, die die Aufteilung des Typ-2-Diabetes in Subtypen ermöglichen. Zwei dieser Untergruppen weisen bereits nach der Diabetes-Diagnose ein höheres Risiko für Fettlebererkrankungen und diabetische Neuropathie auf. „Wenn wir Patienten früh bestimmten Clustern zuordnen können, ergeben sich neue Chancen für eine Präzisionsmedizin", sagt Professor Michael Roden, Vorstand des DZD und Direktor der Universitätsklinik für Endokrinologie und Diabetologie in Düsseldorf.

Eine intensive Lebensstil-Intervention kann auch bei hohem Risiko helfen, Typ-2-Diabetes hinauszuzögern oder zu verhindern.

Diese Erkenntnisse können laut den DZD-Wissenschaftlern Professor Andreas Fritsche und Professor Nobert Stefan, beide von der Universitätsklinik Tübingen, sowohl die Diagnose und Behandlung des Diabetes als auch die Prävention der Folgeerkrankungen verändern. Gemeinsam mit Tübinger Kollegen haben sie bereits bei Menschen mit leicht erhöhten Blutzuckerwerten und erhöhtem Risiko für Diabetes, sogenannten Prädiabetikern, verschiedene Subtypen ausgemacht.

Lebensstil-Intervention

„Bei manchen Prädiabetikern können sich die erhöhten Zuckerwerte von alleine wieder normalisieren. Andere erreichen das nur durch eine gezielte Ernährungsumstellung und mehr Bewegung", erklärt Andreas Fritsche. „Wir haben eine dritte Gruppe von Prädiabetikern identifiziert, die auf die üblicherweise empfohlene Lebensstiländerung schlechter anspricht: Betroffene dieser Hochrisikogruppe produzieren zu wenig Insulin, leiden an einer Fettleber mit Insulinresistenz und haben folglich die größte Krankheitslast."

Acht Studienzentren des DZD beteiligt

Was können diese Hochrisikopersonen tun, um sich vor dem Ausbruch von Diabetes zu schützen? Die Antwort darauf liefert die deutschlandweite Untersuchung „Prädiabetes- Lebensstil-Interventions-Studie", kurz: PLIS. Daran nahmen 1.160 Personen mit Prädiabetes teil. Um die hohe Zahl an Probanden aufzubringen, hatten sich neben dem Leitungszentrum in Tübingen sieben weitere Studienzentren des DZD in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Heidelberg, Leipzig, München und Potsdam beteiligt. Dort wurden alle Teilnehmer zunächst aufwendig untersucht: MRT-Aufnahmen gaben beispielsweise Auskunft über die Menge und Zusammensetzung ihres Bauch- und Leberfettes, ihr Kohlenhydratstoffwechsel wurde anhand von verschiedenen Hormonen und Biomolekülen charakterisiert.

Anschließend änderten die Probanden für ein Jahr ihren Lebensstil. Sie bekamen alle die Empfehlung, fünf Prozent ihres Körpergewichts abzunehmen und mehr Vollkornprodukte sowie weniger Fett zu essen. Eine Hälfte sollte sich zudem drei Stunden pro Woche bewegen und führte acht Gespräche mit Ernährungsberatern, die zweite Hälfte machte beides doppelt so intensiv. Nach Ablauf der Studie wurden erneut die Biodaten gemessen und mit den Ausgangswerten verglichen. Die Ergebnisse zeigen: Eine intensive Lebensstilintervention kann helfen, den Ausbruch von Typ-2-Diabetes hinauszuzögern oder gar zu verhindern. „Erfreulicherweise greift sie auch bei Hochrisikopersonen, bei denen die mäßige Lebensstiländerung diesen Effekt nicht erreicht hat", betont Andreas Fritsche.

Das DZD arbeitet nun gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern daran, für diese Subtypen spezifische Therapien und Prävention zu entwickeln. Darüber hinaus sollen durch den Einsatz von innovativen IT-Technologien noch weitere Untergruppen des Diabetes identifiziert werden, um die Betroffenen künftig noch gezielter behandeln zu können.

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