Screening auf Lungenkrebs

LungenforschungZukunft

D Text: Joachim Pietzsch

Wenn Menschen mit einem hohen Lungenkrebsrisiko vorsorglich eine CT-Untersuchung vornehmen lassen, kann das die Chance deutlich erhöhen, die tückische Krankheit rechtzeitig zu diagnostizieren.

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Vor 30 Jahren, als Dr. Hans-Ulrich Kauczor seine Ausbildung zum Facharzt für Radiologie begann, ließ sich Lungenkrebs kaum rechtzeitig erkennen. Die Patienten stellten sich oftmals entweder mit Bluthusten und Atemnot vor: Dann war ihr Tumor in der Regel so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr lange zu leben hatten. Oder sie hatten das zweifelhafte Glück, dass bei einer Röntgenaufnahme ihres Brustkorbs, beispielsweise vor einer Operation, zufällig ein noch recht kleines Lungenkarzinom festgestellt wurde. Dann hatten sie eine geringe Überlebenschance.

Bis heute ist Lungenkrebs ein gefährlicher Killer: In Deutschland ist er bei Männern die häufigste, bei Frauen die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Die Computertomographie (CT) liefert aber inzwischen mit geringer Strahlendosis so genaue Bilder, dass vermutlich weniger Menschen an Lungenkrebs sterben müssten, wenn sich Hochrisikogruppen einer regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung unterziehen könnten. Das legen die Ergebnisse einer Studie nahe, an der Professor Kauczor, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL), maßgeblich beteiligt war.

Weniger Todesfälle bei Frauen

69 Prozent weniger Todesfälle bei den Frauen

German Lung Cancer Screening Intervention, abgekürzt LUSI, heißt diese Studie, an der unter der Ägide des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Universitätsklinikums Heidelberg 4.052 Langzeitraucher im Alter von 50 bis 69 Jahren aus der Metropolregion Rhein-Neckar teilnahmen. Sie wurden zwischen Oktober 2007 und April 2011 in die Studie aufgenommen und nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen unterteilt.

Die erste Gruppe unterzog sich fünf Jahre lang jährlich einer niedrig dosierten Lungen-CT, die zweite Gruppe dagegen nicht. Alle Teilnehmer beantworteten jedes Jahr einen Fragebogen zu ihrem Gesundheitszustand. Die Auswertung der Studie begann im Mai 2018, nachdem die Probanden durchschnittlich 8,8 Jahre lang beobachtet worden waren. In der Screening-Gruppe waren 26 Prozent weniger lungenkrebsbedingte Todesfälle aufgetreten, jedoch ohne statistische Signifikanz. Diese zeigte sich aber deutlich, wenn man nur die Frauen betrachtete: Von denjenigen Frauen, die regelmäßig am Screening teilgenommen hatten, waren 69 Prozent weniger an Lungenkrebs gestorben als in der Vergleichsgruppe.

Engmaschige Kontrollen

Jeder zweite Raucher hat winzige in der CT sichtbare Rundherde oder Knötchen in der Lunge. Erst oberhalb eines Durchmessers von fünf Millimetern ist es laut Professor Kauczor sinnvoll, einen Tumor zu erwägen. So wurde es auch in der LUSI-Studie gehandhabt: Die Betroffenen wurden bereits nach sechs oder sogar drei Monaten zum nächsten CT-Termin einbestellt, um das weitere Wachstum des verdächtigen Herds zu kontrollieren. Hatte dieser Herd schon die Zentimetermarke überschritten, wurden sie sofort zu einem Lungenfacharzt überwiesen, der weitere Maßnahmen einleitete.

Teilnehmer der Bronchialkarzinom-Früherkennungsstudie

63 Jahre alter Mann mit 35 Packungsjahren, Teilnehmer der Bronchialkarzinom- Früherkennungsstudie des DZL-Partners Thoraxklinik

Frauen erkranken häufiger an weniger aggressiven Lungenkrebsarten.

Ein geschlechtsspezifischer Unterschied war auch in der 2011 publizierten amerikanischen NLST-Studie (National Lung Screening Trial) beobachtet worden, die Kauczor für die „bisher beste Vergleichsstudie der radiologischen Diagnostik" hält. Sie hatte ein Screening per niedrig dosierter CT mit einem Screening per normalen Röntgenaufnahmen des Brustkorbs verglichen und dabei 20 Prozent weniger Lungenkrebstote in der CTGruppe festgestellt.

Dass dieses Ergebnis geschlechtsübergreifend signifikant ist, erklärt sich auch daraus, dass diese Studie mit 53.500 Teilnehmern ausreichend „statistische Power" hatte. Einige kleinere europäische Studien waren gescheitert, weil sie zu wenige Teilnehmer hatten. Die LUSI-Studie ist eine der ersten europäischen Studien, die einen signifikanten Nutzen des CT-Screenings belegt.

„In den USA sind infolge der NLST-Studie schnell Screening-Programme für Risikogruppen eingeführt worden", sagt Kauczor. Die Beteiligung daran sei bisher jedoch gering. Die für eine Lungenkrebsvorsorge infrage kommenden Menschen seien in der Regel schwer zu erreichen, gehörten sie doch oft „gesundheitssystemfernen" Bevölkerungsschichten an.

„Diese Personen so zu interessieren, dass sie sich über die Teilnahmeschwelle trauen, ist die höchste Hürde für den Erfolg eines solchen Programms." Außerdem sollte es mit dem Angebot einer Rauchentwöhnung gekoppelt sein. Die Gefahr, dass Raucher ein Screening als Alibi nutzten, um unbesorgt weiter rauchen zu können, sieht Kauczor nicht. Die Teilnahme an der LUSI-Studie habe sogar bei vielen die Motivation verstärkt, mit dem Rauchen aufzuhören.

Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt Differentialdiagnostik

Die Einführung einer regulären Vorsorge würde zudem sicher eine lange verbreitete Gepflogenheit abstellen: die des verbotenen „grauen Screenings", bei dem gesunde Menschen aus Angst vor Krebs eine CT mit voller Dosis an sich vornehmen ließen. So eine Untersuchung verursachte noch vor Kurzem eine hundertmal so hohe Strahlenbelastung wie eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs – bei den neuen Niedrigdosis-Scannern wird dieser Faktor nur noch etwa fünf betragen. Von den Lungenknötchen, die sie abbilden, sind aber die allermeisten gutartig.

„Das Schlimmste, was ein Screening-Programm auslösen kann, ist die Operation von zu vielen Personen, die eigentlich gesund sind." Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die gutartigen Herde auszusortieren. Hierzu wenden Kauczor und seine Kollegen neuerdings Methoden der Künstlichen Intelligenz an. Jüngst brachten sie etwa einem Künstlichen Neuronalen Netzwerk (KNN) bei, gutartige von bösartigen Knötchen zu unterscheiden, indem sie es auf einem Datensatz der NLST-Studie trainierten.

Den Lernerfolg der KNN-Maschine testeten sie dann an bereits bewerteten CT-Aufnahmen von 1.660 Patienten aus Groningen, Heidelberg und Oxford. Dabei konnte das KNN bei fast einem Fünftel der Patienten einen bösartigen Tumor mit 99-prozentiger Sicherheit ausschließen. Bleibt der Verdacht auf Bösartigkeit bestehen, kann das durch Entnahme einer Gewebeprobe abgeklärt werden. Je kleiner ein Tumor ist, desto eher lässt er sich bei einem solchen minimal-invasiven Eingriff komplett entfernen.

„Wir können mit einem Screening-Programm nicht alle Personen mit Lungenkrebs retten", schränkt Kauczor ein. Dennoch erziele das CT-Screening bessere Ergebnisse als beispielsweise das Mammographie-Screening auf Brustkrebs. Basierend auf allen bisher vorliegenden Studien gelte: „320 niedrig dosierte Computertomogramme der Lunge reichen aus, um ein Leben zu retten." Diese Effizienz beeindruckt auch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das Spitzengremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen.

Mit Computertomogrammen Leben retten

320 niedrig dosierte Computertomogramme der Lunge reichen aus, um ein Leben zu retten.

Kurz nach der Publikation der LUSI-Studie beauftragte er im Juli 2019 das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, den Nutzen eines CT-Screenings auf Lungenkrebs zu bewerten. Professor Kauczor ist zuversichtlich, dass dieses Verfahren zu einem positiven Ergebnis führen und eine Lungenkrebsvorsorge für Menschen mit erhöhtem Risiko in den kommenden Jahren als Kassenleistung eingeführt werden wird.

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