Innovation gegen das Risiko von Blutungen bei Herz-Katheter-OP

Herz-Kreislauf-ForschungInnovation

D Text: Cordula Baums

DZHK-Forscher haben an
einer Innovation mitgewirkt,
die das Risiko von Blutungen
bei einer Herz-Katheter-OP
deutlich reduzieren kann.

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Als Ingeborg M., 63, für ihre Herzkatheter-OP in die Klinik kommt, kennt sie das Risiko: Wenn der Katheter ihre durch Ablagerungen verengten Blutgefäße weitet, kann ein Plaque einreißen und als Thrombus einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen. Damit der Eingriff gut verläuft, geben die Ärzte Blutverdünner – sie nehmen damit aber in Kauf, dass es zu gefährlichen Blutungen kommen kann.

Seit Jahrzehnten arbeiten Münchner Forscher deshalb daran, die blutverdünnende Therapie gezielter und damit sicherer für Patienten zu gestalten. Mit dem Gewebepflaster Revacept ist ihnen das gelungen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die den Bogen von den ersten Erkenntnissen im Labor bis zur Behandlung von Patienten spannt. DZHK-Wissenschaftler Professor Stefan Massberg war von Anfang an dabei.

Blutverdünner, die bei einer Herzkatheter-OP gegeben werden, können mitunter gefährliche Blutungen hervorrufen. Mit dem Gewebepflaster Revacept haben Münchner Forscher um Professor Stefan Massberg vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislaufforschung (DZHK) einen Weg gefunden, diese Therapie sicherer zu gestalten.

Patientinnen und Patienten mit einer autoimmunbedingten Thrombozytopenie lieferten den entscheidenden Hinweis für die bahnbrechende Entwicklung von Revacept. „Bei ihnen funktioniert die Blutgerinnung nicht reibungslos und wir haben entdeckt, dass ihnen das Eiweiß Glykoprotein 6 (GPVI) fehlt", berichtet Massberg, Direktor der Klinik und Poliklinik I der LMU. GPVI kommt auf der Oberfläche von bestimmten Blutzellen vor – den Blutplättchen.

Es entpuppte sich als Andockstelle für Kollagen, eine elastische Faser, die an vielen Stellen im Körper vorhanden ist. „Normalerweise befindet sich Kollagen geschützt im Innern der Gefäßwand und sorgt dafür, dass sie elastisch ist und sich dem pulsierenden Blutstrom anpassen kann. Wird ein Blutgefäß verletzt, zum Beispiel weil man sich schneidet, ragt Kollagen in den Blutstrom. Dort wirkt es wie ein Alarmsignal und der Körper setzt eine Kaskade in Gang, um die verletzte Stelle abzudichten", erklärt der Münchner Kardiologe.

Blutgerinnung
Wird ein Blutgefäß verletzt, ragt Kollagen in den Blutstrom.
Über das GPVI bleiben Blutplättchen an der Läsion hängen
und bilden letztlich ein Gerinnsel.

Zuerst bleiben Blutplättchen über das GPVI an der Läsion hängen. Hat ein Blutplättchen gebunden, löst das einen Dominoeffekt aus: Immer mehr Blutplättchen lagern sich an, sodass letztlich ein Blutgerinnsel entsteht – ein Pfropf, der die Wunde verschließt und die Blutung stoppt. Wenn man sich geschnitten hat, ist man froh, wenn ein Grind die Verletzung abdichtet. Ein Blutgerinnsel birgt jedoch folgendes Risiko: Wenn es sich löst, wird es mit dem Blutstrom fortgeschwemmt, kann wichtige Gefäße blockieren und einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen.

Hat ein
Blutplättchen
gebunden,
löst das einen
Dominoeffekt aus.

Riskante Nebenwirkungen

Gerade diese Erkrankungen sollen jedoch durch eine Herzkatheter-OP verhindert werden, bei der Blutbahnen, die von krankhaften Ablagerungen – sogenannten Plaques – verengt sind, behandelt werden. Der Eingriff rettet Leben und gleichzeitig kann es passieren, dass er lebensbedrohliche Komplikationen auslöst: Die Ablagerungen können dabei aufreißen und die Innenseite der Gefäßwand beschädigen – dann bildet sich dort ein Blutgerinnsel. Die Patienten erhalten deshalb Medikamente, die die Blutplättchen daran hindern zu verklumpen. Weil diese aber im ganzen Körper wirken, ist das Risiko für mitunter tödliche Blutungen bis zu siebenmal höher.

Ein molekularer Glücksgriff

Bereits Anfang der 2000er-Jahre begannen Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) München und der Ludwig Maximilians Universität München (LMU) deshalb, an einer anderen Strategie zu arbeiten: Sie wollten nur an der verletzten Stelle ansetzen, ohne alle Plättchen zu hemmen und damit die gesamte Blutgerinnung zu beeinträchtigen. „Und mit dem Glykoprotein 6, das nur an Kollagen bindet, hatten wir dafür einen Hebel", erklärt Massberg.

In den hierauf folgenden Versuchen entpuppte sich GPVI als Traumbesetzung für die neue blutverdünnende Strategie: Wenn die Wissenschaftler das GPVI auf den Blutplättchen von Mäusen blockierten, verhinderte das die gefährlichen Blutgerinnsel durch eingerissene Plaques.

„Die Blutstillung im restlichen Körper klappte aber noch wesentlich besser, als wenn andere Komponenten des Gerinnungssystems blockiert sind", erzählt Massberg. Dass sie überhaupt noch funktioniert, liegt daran, dass das Blutgerinnungssystem über verschiedene Wege aktiviert werden kann. Und GPVI spielt glücklicherweise ausgerechnet bei der gefährlichen Gerinnselbildung durch aufgerissene Plaques eine zentrale Rolle.

Pseudo-Plättchen als Schlüssel zum Erfolg

„Trotz dieser tollen Ergebnisse mit dem GPVI-Blocker hatten wir weiterhin im Kopf, dass wir nicht alle Plättchen hemmen, sondern noch gezielter nur an der verletzten Stelle ansetzen wollten. Deshalb haben wir überlegt, wie wir das ins Blut ragende Kollagen abschirmen können", so Massberg. Die entscheidende Idee war ein lösliches GPVI, das ohne ein daran gebundenes Plättchen frei im Blut umherschwirrt. Massberg baute dafür 2003 ein Molekül, das sich aus zwei Glykoprotein-VI-Bausteinen, einem Verbindungsstück und dem sogenannten konstanten Teil des menschlichen Antikörpers Immunglobulin G (IgG) zusammensetzt – Revacept war geboren.

Wie ein Pflaster lagert es sich an die verletzte Stelle, indem es die Bindungsstellen am Kollagen besetzt und die Blutplättchen so quasi austrickst. In ersten Experimenten zeigte sich, dass Revacept die Blutgerinnsel sehr gut verhindert und der Effekt auf die restliche Blutgerinnung sogar noch geringer ist, als wenn die Forscher GPVI blockierten. Die Biotechfirma advanceCOR, eine Ausgründung der TU München, trieb die Entwicklung des neuartigen Blutverdünners schließlich weiter voran. Der entscheidende Sprung vom Labor zum Menschen gelang 2011. In einer ersten Studie bei gesunden Probanden konnten die Wissenschaftler belegen, dass Revacept sicher und gut verträglich ist.

Erster Einsatz im OP

Unter der Leitung von Professor Adnan Kastrati vom Deutschen Herzzentrum München und Massberg überprüfen die Forscher in der DZHK-Studie Revacept-PCI in CAD nun erstmals, wie wirksam Revacept bei Patienten ist, deren verengte Herzkranzgefäße mit einem Katheter geweitet werden müssen. Revacept wird in dieser Studie zusätzlich zu den beiden Plättchenhemmern Clopidogrel und Aspirin unmittelbar vor dem Kathetereingriff verabreicht. Neben dem erhöhten Blutungsrisiko haben die momentan verabreichten Blutplättchenhemmer nämlich noch ein weiteres Problem: Immer noch erleiden Patienten während des Kathetereingriffs einen Herzinfarkt.

Revacept

Revacept

Der Wirkstoff besteht aus Teilen eines Antikörpers und des Glykoproteins VI.

Wie ein Pflaster lagert es sich an die verletzte Stelle, indem es die
Bindungsstellen am Kollagen besetzt und die Blutplättchen so quasi austrickst.

Das hat laut Massberg zwei Ursachen: Die Patienten nehmen die Plättchenhemmer als Tablette ein. Die Wirkstoffe müssen dann erst über den Darm ins Blut gelangen und das dauert drei bis vier Stunden. Revacept wird hingegen direkt ins Blut gespritzt und kann somit viel schneller wirken, ohne das Blutungsrisiko noch zusätzlich zu erhöhen. Außerdem sprechen 20 Prozent der Patienten nicht auf Clopidogrel an, es bleibt bei ihnen also wirkungslos. „Wir hoffen, dass Revacept diese zeitliche und individuelle therapeutische Lücke schließen kann und die Rate der Herzinfarkte während des Eingriffs sinkt, ohne dass mehr Blutungen auftreten", so der Münchner Kardiologe.

Blutgerinnung mit Revacept

Blutgerinnung mit Revacept
Revacept belegt die GPVI-Bindungsstellen am Kollagen.
Das hindert die Blutplättchen daran, sich dort anzulagern.

Noch haben die Ärzte keine Ahnung, wie die Ergebnisse der Studie aussehen werden, denn sie ist doppelt verblindet – weder Mediziner noch Patienten wissen, ob Revacept oder ein Placebo verabreicht wurden. Doch es gibt bereits positive Signale von einer Studie bei Patientinnen und Patienten mit verengten Halsschlagadern, die Revacept erhielten, um Schlaganfällen während der Aufweitung mit dem Katheter vorzubeugen.

Ingeborg M. hatte Glück: Ihre Katheter-OP verlief auch ohne Revacept reibungslos, ihr Herzinfarktrisiko ist damit erst einmal gesenkt. „Wenn das Medikament bei mir schon hätte eingesetzt werden können, wäre ich vor dem Eingriff sicher nicht so nervös gewesen", erklärt sie. „Ich wünsche Menschen, die die gleichen Probleme mit dem Herzen haben wie ich, dass die Ärzte es bald nutzen dürfen."

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