SYNERGIE – Forschen für Gesundheit
Das Magazin der Deutschen Zentren
der Gesundheitsforschung (DZG)

Schizophrenie neu denken

Dr. Isabel Maurus und Dr. Dr. Florian Raabe vom DZPG-Standort München-Augsburg greifen aus zwei Richtungen ein Ziel an: die Wiederherstellung zentraler Hirnfunktionen bei Menschen mit Schizophrenie. Mit innovativen Forschungsansätzen liefern sie vielversprechende Ergebnisse.
Stimmen, die niemand sonst hört. Gedanken, die rasen. Oder ein Fernseher, der geheime Botschaften sendet: Für viele Menschen mit Schizophrenie ist das Alltag. Was für andere rätselhaft erscheint, ist für die Betroffenen Realität – und entsprechend belastend. Gegen diesen oft quälenden Zustand gibt es klassische Antipsychotika. Sie wirken vor allem „anti“ Wahnvorstellungen oder Halluzinationen – sogenannte positive Symptome, weil diese zum normalen Erleben „addiert“ werden. Dennoch bleiben viele Patientinnen und Patienten in ihrer Alltagsbewältigung auch mit der Medikamentierung stark eingeschränkt, da diese noch nicht die ebenfalls auftretenden negativen Symptome behandelt: Dem Gehirn von Menschen mit Schizophrenie fehlt etwas. Die Reifung myelinbildender Zellen ist gestört und die Plastizität der Synapsen ist eingeschränkt. Das Ergebnis dieses Mangels sind Symptome wie Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug und kognitive Defizite. Zwei Forschende am DZPG-Standort München-Augsburg greifen genau hier an – mit innovativen Ansätzen, die auf die Regeneration der gestörten zentralen Hirnfunktionen zielen.
STIMMEN, DIE NIEMAND SONST HÖRT, SIND FÜR VIELE MENSCHEN MIT SCHIZOPHRENIE ALLTAG.

Gestörte Myelinisierung bei Schizophrenie – was ein Allergie-Medikament verändern könnte

Das zentrale Nervensystem ist auf Geschwindigkeit angewiesen. Die Grundlage dafür: Myelin, eine fetthaltige Schicht, die Nervenleitungen (Axone) isoliert und die Signalübertragung beschleunigt. Gebildet wird es von Oligodendrozyten – spezialisierten Zellen, die sich aus sogenannten Oligodendrozyten-Vorläuferzellen (OPCs) entwickeln. Diese OPCs sind entscheidend für Entwicklungs- und Reparaturprozesse im Gehirn. In zahlreichen Studien zeigte sich: Die Reifung dieser Vorläuferzellen ist bei Schizophrenie gestört. Es entstehen weniger funktionstüchtige Oligodendrozyten, die Myelindichte ist reduziert, insbesondere in präfrontalen und temporalen Hirnregionen – also dort, wo Denken, Planung und soziales Verhalten koordiniert werden. Die Folge: eine ineffiziente neuronale Kommunikation und daraus resultierend die beschriebenen Symptome.
AUCH RASENDE GEDANKEN ZÄHLEN ZU DEN SyMPTOMEN.
Dr. Isabel Maurus von der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie an der LMU München untersucht, wie sich diese Prozesse gezielt beeinflussen lassen. In ihrer Studie kombiniert sie körperliche Aktivität mit einem ungewöhnlichen Wirkstoff: Clemastin, einem Medikament, das bereits in den 1960er-Jahren auf den Markt kam. Ursprünglich gegen Allergien entwickelt, zeigte sich in der Forschung zur Multiplen Sklerose, dass Clemastin die Reifung von OPCs fördern und so Remyelinisierung anstoßen kann – auch in präklinischen und ersten klinischen Studien. „Clemastin wirkt nicht wie Antipsychotika auf Dopaminrezeptoren, sondern auf zellulärer Ebene – es könnte helfen, die biologische Grundlage negativer kognitiver Symptome zu regenerieren“, erklärt Maurus.
In ihrer Studie erhalten rund 90 Patientinnen und Patienten entweder Clemastin, ein strukturiertes Bewegungstraining – oder beides. Erste Rückmeldungen sind vielversprechend: „Wir sehen Verbesserungen in der Kognition und bei negativen Symptomen.“ Auch Bewegung scheint über denselben biologischen Mechanismus zu wirken. „Wir gehen davon aus, dass Sport und Clemastin beide die Differenzierung von OPCs anregen – und damit die Myelinisierung fördern.“

Neuronale Plastizität messbar machen – mit patienteneigenen Nervenzellen

Während Maurus die Myelinisierung therapeutisch zu verbessern versucht, zielt Dr. Dr. Florian Raabe vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie auf eine andere zentrale Störung bei Schizophrenie: die gestörte synaptische Plastizität. Er erklärt: „Lange galt Schizophrenie als degenerative Erkrankung. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Nicht Zelluntergang, sondern fehlerhafte Entwicklung und gestörter Umbau stehen im Vordergrund.“ Besonders auffällig sind dabei Veränderungen auf der postsynaptischen Seite – also dort, wo Signale empfangen werden. Die betroffenen Nervenzellen zeigen eine reduzierte Synapsenzahl und reduzierte elektrische Aktivität.
MANCHE GLAUBEN, IHR FERNSEHER SENDE GEHEIME BOTSCHAFTEN.
Raabes Team nutzt eine innovative Technologie, um diesen Prozessen auf die Spur zu kommen: die Arbeit mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSCs). Dafür werden Körperzellen von Patientinnen und Patienten entnommen, im Labor reprogrammiert und zu Nervenzellen differenziert. „Mit der Technologie haben wir erstmals die Möglichkeit, menschliche Nervenzellen von unseren psychiatrischen Patienten in vitro zu untersuchen“, sagt Raabe. Die patienteneigenen Nervenzellen zeigen typische Störungen, etwa bei der Synapsendichte oder in der Signalverarbeitung. Das gibt den Forschern einen direkten Einblick in die zellulären Grundlagen der Erkrankung.

Und noch mehr: Diese Modelle können helfen, gezielt Wirkstoffe zu testen. In einer früheren Arbeit konnte bereits gezeigt werden, dass nur Zellen von Patientinnen und Patienten, die klinisch auf das Medikament Lithium ansprachen, auch im Labor reagierten. Das heißt: Die Reaktion der Nervenzellen im Labor entsprach der klinischen Wirkung bei diesen Menschen – ein Hinweis darauf, dass man mit dieser Methode zukünftig vorhersagen könnte, welche Medikamente bei wem wirken – ein Schritt in Richtung personalisierter Therapien in der Psychiatrie.

Zwei Ansätze, ein Ziel

Beide Projekte stehen exemplarisch für eine neue Sicht auf Schizophrenie als dynamische Störung mit regenerativem Potenzial. Während Maurus mit ihrer Studie klinisch mit Patientinnen und Patienten arbeitet, untersucht Raabe Patientenzellen im Labor. Beide verfolgen das Ziel, nicht nur Symptome zu dämpfen, sondern Funktionen wiederherzustellen – durch Remyelinisierung und synaptische Stabilisierung. DZPG-Sprecher Prof. Dr. Peter Falkai ordnet die Forschung ein: „Wir stehen noch am Anfang, aber das Potenzial ist enorm. Wir lernen, die zugrundeliegenden Hirnprozesse bei Schizophrenie gezielt zu beeinflussen – und damit kognitive und soziale Funktionen nachhaltig zu verbessern.“

Prof. Dr. Silvia Schneider, ebenfalls Sprecherin des DZPG, ergänzt: „Es geht darum, Therapien zu entwickeln, die bei den biopsychosozialen Grundlagen der Erkrankung ansetzen – und so auch denjenigen zu helfen, bei denen bislang verfügbare Behandlungen versagen. Diese Forschungsprojekte öffnen neue Wege – individuell, ursachenorientiert und mit Blick auf echte Teilhabe für Betroffene.“
BEIDE PROJEKTE STEHEN FÜR EINE NEUE SICHT AUF SCHIZOPHRENIE ALS DyNAMISCHE STÖRUNG MIT REGENERATIVEM POTENZIAL.
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