SYNERGIE – Forschen für Gesundheit
Das Magazin der Deutschen Zentren
der Gesundheitsforschung (DZG)
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IM BIOREAKTOR ENTSTEHEN AUS PLURIPOTENTEN STAMMZELLEN KNOCHENMARK-ORGANOIDE, AUS DENEN SICH DURCH GEZIELTE STIMULI MAKROPHAGEN GEWINNEN LASSEN.

Imacs statt Antibiotika?

Bakterien, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind, fordern immer mehr Menschenleben. Besonders gefährlich sind Lungenentzündungen. Eine Therapie mit bestimmten Immunzellen, den Makrophagen, wäre eine aussichtsreiche Alternative zu Antibiotika. Forschende des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) sind dabei, sie im Bioreaktor herzustellen.
Für viele Menschen könnte es sich eines Tages als Segen erweisen, dass Nico Lachmann kein Arzt geworden ist. Kaum hatte ihm die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) 2012 einen naturwissenschaftlichen Doktorgrad mit bestem Prädikat verliehen, überlegte er nämlich, ein Medizinstudium anzuhängen. „Ich wollte näher am Patienten arbeiten“, erinnert er sich. „Aber mein Doktorvater riet mir dringend, meine Forschung fortzusetzen.“ Schon damals standen Stammzellen im Fokus seiner Forschung – ein Gebiet, auf dem Lachmann als Professor an der Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie der MHH heute international auch als Nicht-Mediziner hohes Ansehen genießt.
ER STEHT DICHT DAVOR, DIE MACHBARKEIT EINER MAKROPHAGENTHERAPIE BEIM MENSCHEN ZU BEWEISEN.
Mit seiner Gruppe hat er ein Verfahren entwickelt, um aus Stammzellen in einem Bioreaktor große Mengen lungenspezifischer Makrophagen herzustellen. Im Tierversuch hat er gezeigt, dass die Gabe solcher Makrophagen multiresistente Keime ausschalten und Lungenentzündungen heilen kann. Nun steht er dicht davor, die Machbarkeit einer Makrophagentherapie beim Menschen zu beweisen. Für das Forschungsnetzwerk des DZL und der DZG insgesamt eröffnet das die Perspektive, eine therapeutische Plattform mit Makrophagen zu etablieren, deren Angebot sich nicht nur gegen Lungenkrebs und Lungenfibrose, sondern auch gegen neurologische Erkrankungen und andere Infektionskrankheiten abrufen lässt.
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ALVEOLÄRE MAKROPHAGEN SIND IDEALE KANDIDATEN FÜR ZELLTHERAPIEN ZUR BEHANDLUNG VON LUNGENENTZÜNDUNGEN.

Die Wächter unserer Lungenbläschen

Makrophagen sind die großen Fresszellen unseres angeborenen Immunsystems, das die Aufgabe hat, Bakterien, Pilze oder Viren, die uns täglich tausendfach angreifen, möglichst sofort auszuschalten. Denn die Antikörper und T-Zellen unseres erworbenen Immunsystems sind oft erst nach einigen Tagen einsatzbereit – und dann könnte es zu spät sein. Sobald ein Makrophage einen Krankheitserreger (Pathogen) aufgespürt hat, versucht er, ihn zu zerstören. Gleichzeitig sendet er Signale mit der Bitte um Unterstützung an andere Immunzellen.
Im Gegensatz zu den verzweigten Atemwegen, die zu ihnen führen, sind die rund 300 Millionen Lungenbläschen (Alveolen) am Ende unseres Bronchialbaumes nicht von einer Schleimhaut mit Flimmerhärchen überzogen, die sie reinigt und schützt. Sie kämen in den Alveolen dem Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid in die Quere. Unsere Alveolen würden deshalb in Abfall ersticken und wären Pathogenen hilflos ausgeliefert, wenn nicht Makrophagen in ihnen wohnten, die sie ständig reinigten und bewachten. Dabei agieren diese Makrophagen maßvoll: Sie achten darauf, unnötige Abwehrkämpfe zu vermeiden. Erst bei einer bedrohlichen Infektion initiieren sie eine Immunantwort und rufen so eine Entzündung hervor, um deren Erreger zu Leibe zu rücken. Sobald sie die Infektion im Griff haben, sorgen sie für das Abklingen der Entzündung und verhindern damit, dass ihre Abwehr über das Ziel hinausschießt und körpereigenes Gewebe schädigt.

Schneeflocken aus Knochenmark

Diese Eigenschaften machen alveoläre Makrophagen zu idealen Kandidaten für Zelltherapien zur Behandlung von Lungenentzündungen. Sie dafür in ausreichender Zahl und Qualität aus natürlichen Quellen zu gewinnen, schien aber ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Das änderte sich schlagartig, als das Verfahren zur Herstellung induzierter pluripotenter Stammzellen (iPSC) entdeckt wurde. Plötzlich eröffnete sich die Perspektive, iPSC in multipotente Blutstammzellen zu verwandeln, aus denen sich durch die Gabe geeigneter Botenstoffe über mehrere Stufen hinweg die Herstellung aller möglichen Blut- und Immunzellen bewerkstelligen lassen würde.

„Das war eine coole Zeit“, sagt Nico Lachmann, der sich in den Jahren des Aufbruchs nach dieser Entdeckung in seinem Masterstudium vom besonderen „Spirit“ an der amerikanischen Eliteuniversität Yale inspirieren ließ, das neu entstehende Feld der Zell- und Gentherapie mitzuerschließen. Blutbildende Stammzellen wurden sein Spezialgebiet, dem er an der MHH treu blieb, ohne sich von einem Zweitstudium ablenken zu lassen. So löste er ein Problem, an dem andere scheiterten: mit minimalem Aufwand eine maximale Ernte an iMACs einzufahren – so nennt er die aus iPSC produzierten Makrophagen. Während so manche Koryphäe Blutstammzellen vergeblich mit 20 verschiedenen Botenstoffen versetzte, um sie zur Differenzierung zu Makrophagen anzuregen, schafften Lachmann und sein Team das mit nur zwei Stimulanzien, nämlich Interleukin-3 und GM-CSF. Ihr Trick:
Sie züchteten winzige Stücke von Knochenmark. Aus ihm entspringen alle Blutzellen. Deshalb tragen diese Organoide, die im Bioreaktor Flocken in einer Schneekugel gleichen, fast alle Anweisungen zur Ausdifferenzierung in sich. Für deren Aktivierung reichen zwei zusätzliche Impulse.

Aus der Zellfabrik ans Krankenbett?

Diese Knochenmarksflocken aus einer zweidimensionalen Zellkultur in einen dreidimensionalen Reaktor zu bringen, der kontinuierlich rührt und läuft, war die weitaus größere Herausforderung. „Für diese Skalierung haben wir viele Jahre gebraucht“, sagt Nico Lachmann. „Heute produzieren wir in einem trinkbechergroßen Gefäß rund um die Uhr und ernten bis zu 30 Millionen iMACs pro Woche.“ Weil der Europäische Forschungsrat (ERC) sein Projekt „iPSC2therapy“ großzügig förderte, konnte Lachmann die Wirksamkeit der Produkte seiner Zellfabrik präklinisch erproben. Mit Erfolg: Mäuse, denen gleichzeitig mit dem gefährlichen Keim Pseudomonas aeruginosa jeweils vier Millionen iMACs verabreicht wurden, blieben weitgehend gesund. Und der Zustand von Mäusen, die schon Symptome einer Infektion zeigten, verbesserte sich nach iMAC-Gabe signifikant.

Im ERC-geförderten Projekt „iMAClung“ überprüft Lachmann nun, ob sich sein Konzept klinisch umsetzen lässt. Dazu bedient er sich einer mobilen Glasglocke, unter der eine funktionierende Schweine- oder Menschenlunge, die für eine Transplantation ungeeignet war, zu Forschungszwecken kurzzeitig am Leben erhalten wird. Dieser Lunge führt er iMACs zu, um anschließend deren Stabilität, Wirksamkeit und Verträglichkeit zu untersuchen. Dabei zeigt sich, dass die körperfremden Makrophagen keine Abstoßungsreaktionen hervorrufen. Auch sonst stimmen die bisherigen Ergebnisse Prof. Lachmann zuversichtlich, dass Makrophagen eines Tages über eine Sonde, die über den Rachen in die Luftröhre geschoben wird, direkt zur Behandlung akuter und chronischer Entzündungen der Lunge verabreicht werden und unwirksam gewordene Antibiotika ersetzen können. Es wäre ein Triumph seiner Stammzellforschung, denn iPSC-Derivate haben es bisher weltweit nur in der Kardiologie, Neurologie und Augenheilkunde bis zur Erprobung am Krankenbett gebracht. Aber noch ist der Weg von iMACs zum Patienten nicht am Ziel. „Wir brauchen Kraft und Ausdauer“, sagt Lachmann. „Es ist ein Langstreckenlauf, auf dem uns ohne industrielle Partner irgendwann die Luft ausgehen wird.“
Die Rückverwandlung von Körperzellen
Unser Körper besteht aus mehr als 200 unterschiedlichen Zelltypen. Sie alle werden aus embryonalen Stammzellen gebildet, aus denen sie – je nach ihrer späteren Aufgabe – anders ausdifferenziert werden. Diese Stammzellen sind also pluripotent. Binnen drei Wochen nach der Befruchtung bilden sich aus ihnen drei sogenannte Keimblätter. Deren Stammzellen sind multipotent. Denn sie können sich nur noch zu bestimmten Organen entwickeln – aus dem Ektoderm gehen u. a. die Sinnesorgane und das Nervensystem hervor, aus dem Entoderm entstehen u. a. Darm und Leber, und im Mesoderm sind u. a. das Herz-Kreislauf-System und alle Blut- und Immunzellen angelegt, auch die Makrophagen.

Das medizinische Potenzial von Stammzellen ist enorm. Die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen ist ethisch jedoch äußerst fragwürdig und streng reglementiert. Die Ausdifferenzierung von Stammzellen in Körperzellen galt lange als Einbahnstraße. Die Umkehr in die Gegenrichtung schien versperrt. Deshalb war es ein sensationeller Durchbruch, der schon sechs Jahre später mit einem Nobelpreis belohnt wurde, als es zwei japanischen Forschern 2006 gelang, ausdifferenzierte Körperzellen in induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC) zurückzuverwandeln, denen wieder alle Entwicklungsmöglichkeiten offenstehen. Ihr ursprüngliches Verfahren ist seither stetig verbessert worden und bringt die biomedizinische Forschung auf vielen Feldern voran.
MAKROPHAGEN KÖNNTEN EINES TAGES DIREKT ÜBER EINE SONDE IN DIE LUNGE GEBRACHT WERDEN, UM ENTZÜNDUNGEN ZU BEHANDELN.
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