Als Mia geboren wird, scheint alles in Ordnung. Doch wenige Tage nach ihrer Geburt erhält ihre Familie die Nachricht, dass das Neugeborenen-Screening eine Auffälligkeit zeigt. Vermutet wird eine schwere kombinierte Immunschwäche (SCID), eine seltene Erkrankung, die unbehandelt tödlich verläuft – für die Eltern ein Schock. Im Alter von zwei Wochen kommt Mia zur Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Ulm, das spezialisierte Versorgungszentrum der Region. Hier nehmen sich Prof. Dr. Manfred Hönig und Prof. Dr. Ansgar Schulz ihres Falls an.
Von SCID, Severe Combined Immune Deficiency, betroffene Kinder haben ein extrem geschwächtes Immunsystem. Da sie Infektionen kaum etwas entgegensetzen können, verläuft die Erkrankung unbehandelt meist im frühen Kindesalter tödlich. Jedes SCID-Kind ist ein medizinischer Notfall.
WIE SELTENE ERKRANKUNGEN NEUE WEGE FÜR DIE MEDIZIN ERÖFFNEN KÖNNEN
Als Standardtherapie bei SCID gilt die Stammzelltransplantation. Dabei werden den betroffenen Kindern gesunde Stammzellen eines geeigneten Spenders übertragen, die ein neues, gesundes Immunsystem aufbauen können. Begleitend ist dafür eine vorbereitende Chemotherapie erforderlich. Die Methode ist etabliert und bietet gute Heilungschancen, sofern sie frühzeitig durchgeführt wird. Allerdings ist ein passender Spender in nicht allen Fällen verfügbar, und die Chemotherapie ist mit kurzfristigen Nebenwirkungen wie Schmerzen und langfristigen Folgen, etwa einer Beeinträchtigung der Fertilität, verbunden. Hinzu kommt das Risiko von immunologischen Unverträglichkeiten.
Wichtig für den Erfolg der Behandlung ist, dass sich die betroffenen Kinder zum Zeitpunkt der Transplantation in einem stabilen Zustand befinden und nicht bereits durch schwere Infektionen geschwächt sind. Deshalb ist eine möglichst frühe Diagnose entscheidend – ermöglicht durch das 2019 in Deutschland dank der Initiative der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) eingeführte Neugeborenen-Screening auf SCID. „Das Screening rettet Leben, weil es uns erlaubt, früh zu reagieren“, sagt Prof. Schulz.
EINE MÖGLICHST FRÜHE DIAGNOSE IST ENTSCHEIDEND.
Ideal für eine Stammzelltransplantation ist ein sogenannter HLA-identischer Spender – meist ein gesundes Geschwisterkind, das in allen relevanten Gewebemerkmalen (HLA-Merkmalen) übereinstimmt. Für Mia stand ein derartiger Spender nicht zur Verfügung. In einem solchen Fall wird geprüft, ob haploidente Stammzellspende infrage kommt, das heißt durch ein Elternteil, dessen Gewebemerkmale zur Hälfte übereinstimmen. Diese Option birgt jedoch zusätzliche Risiken für Abstoßungsreaktionen oder Komplikationen nach der Transplantation. Während Mia in der Ulmer Kinderklinik isoliert wurde, um ihr Infektionsrisiko möglichst weitgehend zu begrenzen, wurde die Diagnostik ihrer SCID-Erkrankung vorangetrieben und ein spezifischer Gendefekt identifiziert (RAG1). Das Ziel, die genetische Ursache von Mias Erkrankung genau zu bestimmen, bestand darin, gezielte Behandlungsmöglichkeiten zu eröffnen. In den vergangenen Jahren hat die Entwicklung neuer biotechnologischer Verfahren Perspektiven dafür geschaffen, bestimmte Gendefekte zu „reparieren“ und so die zugrundeliegende Krankheitsursache zu beheben. Für Mia kam eine solche Therapie infrage.
BEI DER GENTHERAPIE WERDEN EIGENE STAMMZELLEN DES KINDES IM LABOR GENETISCH „REPARIERT“ UND DANN ZURÜCKGEGEBEN.
Bei der Gentherapie werden eigene Stammzellen des Kindes im Labor genetisch „repariert“ und dann zurückgegeben. Von Vorteil ist dabei, dass immunologische Unverträglichkeiten nicht zu erwarten sind und die Chemotherapie geringer dosiert werden kann. Allerdings handelt es sich um eine neue Therapie, deren Langzeitwirkungen noch nicht gut untersucht sind. Zudem ist die Therapie technisch sehr aufwendig und besonders die Behandlung von Säuglingen eine ausgesprochene Herausforderung. Sie wird derzeit nur in spezialisierten Zentren im Ausland durchgeführt. „Wir müssen mit den Familien immer sehr offen die Risiken und Chancen beider Ansätze besprechen“, betont Prof. Hönig. Am Ende entschieden sich Mias Eltern, Mia zur Gentherapie nach Leiden (Niederlande) zu bringen. Heute, ein Jahr und mehrere stationäre Aufenthalte in den Niederlanden und in Ulm später, ist Mia klinisch gesund und ihr Immunsystem funktioniert. „Das macht Mut, aber wir wissen auch, dass wir noch wenig über die Langzeitergebnisse sagen können“, so Prof. Schulz.
Obwohl es technisch möglich wäre, kann eine Gentherapie für SCID in Deutschland derzeit nicht angeboten werden. Es fehlen die regulatorischen und organisatorischen Voraussetzungen und institutionelle Unterstützung. Betroffene Familien sind daher auf eine Behandlung im Ausland angewiesen und damit mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Formalia, Krankentransport, Sprachbarrieren, zusätzliche Kosten. Aber auch hier sind die Optionen begrenzt: In Leiden, wo Mia im Rahmen einer EU-geförderten Studie behandelt werden konnte, werden aktuell, nach Ende der Förderung, keine weiteren Patienten aufgenommen und Untersuchungen zur Überführung der Therapie in die breite klinische Anwendung stehen weiterhin aus. „Wir haben exzellente Forschung, aber die Übersetzung in die Versorgung hinkt noch hinterher. Dafür brauchen wir geeignete Strukturen“, sagt Prof. Hönig.
DAMIT NEUE WEGE IN DER MEDIZIN FÜR ALLE MÖGLICH WERDEN
Das Deutsche Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ) will solche Lücken schließen. Es wurde 2024 gegründet und ist damit das jüngste unter den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. „From Rare to Common“ ist dabei eines der Leitprinzipien: Forschung an seltenen genetischen Erkrankungen bietet die Chance, grundlegende Mechanismen zu verstehen, neue diagnostische und therapeutische Ansätze zu entwickeln und diese dann auch auf andere Erkrankungen zu übertragen. Seltene Krankheiten sind also nicht nur medizinische Einzelfälle, sondern ein Schlüssel zu Innovation. Die Forschung an SCID hat insofern eine Pionierfunktion. Für Prof. Hönig und Prof. Schulz ist ein klares Ziel, „dass Erkenntnisse und Innovationen aus der Forschung zu seltenen Krankheiten auch Patientinnen und Patienten mit häufigeren Erkrankungen zugutekommen“. Moderne Gen- und Zelltherapien könnten mittelfristig vielen weiteren Patientengruppen helfen. Das DZKJ möchte hier als Plattform und Brückenbauer wirken – damit neue Wege in der Medizin für alle möglich werden.

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SELTENE KRANKHEITEN SIND ALSO NICHT NUR MEDIZINISCHE EINZELFÄLLE, SONDERN EIN SCHLÜSSEL ZU INNOVATION.