Warum aktiviert unser Immunsystem unter Stress manchmal Mechanismen, die uns schaden, statt uns zu schützen? Für Dr. Kami Alexander Pekayvaz ist das keine theoretische Frage. Als Arzt behandelt er am LMU Klinikum in München Menschen mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolie. Zugleich leitet er eine vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) geförderte Nachwuchsgruppe, die untersucht, wie Stresshormone, Immunzellen und Blutgerinnung zusammenwirken. Die Förderung beläuft sich auf 1,65 Millionen Euro für sechs Jahre. Im Zentrum seiner Forschung steht das Zusammenspiel von Stresshormonen und Neutrophilen – jenen Immunzellen, die bei Gefahr schnell reagieren. „Kleine Blutgerinnsel können bei Infektionen Krankheitserreger lokal begrenzen und so ihre Ausbreitung verhindern“, so Pekayvaz. Wenn diese Reaktion entgleist, drohen Thrombosen. „Dann verschließen Gerinnsel größere Gefäße und lösen lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall aus.“ Seine Hypothese: Stress verändert das Zusammenspiel zwischen Hormonen und Immunzellen auf molekularer Ebene. Pekayvaz untersucht die Rolle der Neutrophilen dabei. Was passiert, wenn sie nicht mehr auf Stresshormone wie Adrenalin reagieren – oder zu stark? Könnte man diesen Prozess beeinflussen? Und lässt sich voraussagen, wer besonders gefährdet ist?
Etwas anderes als Medizin kam für ihn nie infrage, schon als Jugendlicher auf dem Internat in England richtete er seine Fächerwahl darauf aus, spezialisierte sich dann auf die Verbindung von Immunsystem, Stress und Gerinnung. Die LMU sei für diese Forschung der ideale Ort: „Die Infrastruktur hier erlaubt es uns, molekulare Mechanismen bis ins Detail zu untersuchen – von Einzelzellanalysen über genetische Tiermodelle bis hin zur bioinformatischen Auswertung großer klinischer Datensätze.“ Die eigene Nachwuchsgruppe ermöglicht es ihm, langfristig und systematisch zu arbeiten – mit einem klaren Ziel: neue Erkenntnisse möglichst schnell in die klinische Anwendung zu bringen. „Und klar: München ist eine tolle Stadt.“
Privat begegnet Pekayvaz Stress am liebsten durch Sport. Doch seine wissenschaftliche Vision geht weit über individuelle Stressbewältigung hinaus. Langfristig will er dazu beitragen, stressbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen früher zu erkennen und zu verhindern. „Idealerweise haben wir dann Signaturen identifiziert, mit denen man Herzinfarkt oder Schlaganfall prognostizieren kann – ganz ohne invasive Untersuchungen und Strahlenbelastung.“