SYNERGIE – Forschen für Gesundheit
Das Magazin der Deutschen Zentren
der Gesundheitsforschung (DZG)

Regenerative Medizin

Die Medizin steht vor einem Paradigmenwechsel hin zur Etablierung von hochindividualisierten Zell- und Gentherapien. Sie tragen das Potenzial in sich, Krankheiten anders zu behandeln und verloren geglaubte Gesundheit wie „Phönix aus der Asche“ neu entstehen zu lassen.
Lebende Zellen als Therapie, die aktiv im Körper Aufgaben übernehmen: Mit diesem Schritt steht die Medizin vor einem Paradigmenwechsel. Medikamente, wie wir sie bisher kennen, basieren in der Regel auf chemischen Substanzen: In Form von Infusionen oder Tabletten können sie für viele Anwendungen und viele Patientinnen und Patienten genutzt werden. „Bei den Zell- und Gentherapien stehen plötzlich Zellen im Vordergrund, die selbst als Therapeutikum verwendet oder durch gezielte genetische Veränderung dazu umfunktioniert werden“, erklärt Prof. Dirk Busch, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) sowie Infektionsimmunologe an der Technischen Universität München. „Es handelt sich also um lebende Medikamente, die als Zellen in den Körper appliziert werden und dort ihre therapeutische Wirkung entfalten.“ Sie können „zum Teil extrem lange im Körper existieren, vielleicht sogar dauerhaft“, beschreibt der Mediziner. Das eröffnet völlig neue Behandlungswege – bis hin zu heilendem Potenzial für weitverbreitete Erkrankungen wie Tumore und chronische Infektionen sowie für Gendefekte oder Autoimmunerkrankungen. Für die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) bedeutet dies ein zentrales Handlungsfeld: Ihre Aufgabe ist es, diese Ansätze aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung zu bringen und so den Nutzen für Patientinnen und Patienten in Deutschland möglichst schnell verfügbar zu machen.
ES SIND LEBENDE MEDIKAMENTE, DIE ALS ZELLEN IN DEN KÖRPER APPLIZIERT WERDEN UND DORT IHRE THERAPEUTISCHE WIRKUNG ENTFALTEN.

Forschende werden zu „Cell Engineers“

Die ersten Erfolge sind vielversprechend: Bei bestimmten Krebsarten etwa, insbesondere bei B-Zell-assoziierten Leukämien und Lymphomen, erzielen sogenannte CAR-T-Zelltherapien (Chimeric Antigen Receptor) in Einzelfällen bereits Heilungen, selbst wenn andere Therapien versagt haben. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen gentechnisch so verändert, dass sie einen künstlichen Rezeptor (CAR) tragen, der ein spezifisches Oberflächenmerkmal (Antigen) auf Krebszellen erkennt. CAR-T-Zellen zeigen zudem auch bei Autoimmunerkrankungen wie dem Lupus erythematodes nachhaltige Erfolge. Das funktioniert, weil diese CAR-T-Zellen nicht nur Tumorzellen, sondern allgemein B-Zellen aufspüren können – und genau diese B-Zellen treiben bei vielen Autoimmunerkrankungen die Krankheit an. Auch bestimmte Hirnerkrankungen rücken damit ins Visier. Ein entsprechender Therapieansatz wurde am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) entwickelt. Studien am Menschen sind in Vorbereitung.

Eine weitere Entwicklung sind TIL-Therapien (tumorinfiltrierende Lymphozyten): Dabei werden Immunzellen aus Tumoren isoliert, im Labor vermehrt und der Patientin oder dem Patienten zurückgegeben. Die Forschenden arbeiten an immer komplexeren Zellveränderungen. „Wir verstehen uns als ‚Cell Engineers‘ – Zellingenieure – und entwickeln Ideen, wie man mehrere Wirkweisen realisieren kann“, so Busch. „Die Zelle, die den Tumor attackiert, kann beispielsweise zusätzlich Sekrete absondern, die ihre Wirkung verstärken. Oder sie kann resistent gegen vom Tumor ausgehende Mechanismen gemacht werden, die Immunzellen inaktivieren.“ Parallel dazu wird an „Universal Donor Cells“ geforscht – Allzweckzellen, die für alle geeignet sind, statt für jede Person eigene Zellen herzustellen oder anzupassen, was aufwendig und teuer ist.

Die größte Herausforderung liegt in der Individualisierung der Therapien. Denn meist werden körpereigene Zellen genutzt und jede Patientin, jeder Patient bringt individuelle Voraussetzungen mit, hat andere Grunderkrankungen, wurde eventuell vorbehandelt. Künstliche Intelligenz und Big Data sollen helfen, „maßgeschneiderte“ Therapien zu entwickeln. Die Produktion erfolgt unter höchsten Standards in speziellen Anlagen nach strengen Vorgaben, die garantieren, dass Medikamente sicher und gleichbleibend hochwertig sind. Die Kosten können hoch sein – da eben nicht Millionen Tabletten für Millionen Menschen hergestellt werden, sondern häufig individuelle Produkte. „Auf den ersten Blick hohe Beträge müssen jedoch differenziert betrachtet werden“, so Busch. „Eine chronische Erkrankung kann im Laufe der Zeit enorme Kosten verursachen. In der Zell- und Gentherapie reicht oft eine einzige Behandlung aus.“ Eine weitere Herausforderung bestehe darin, die Sicherheit zu gewährleisten, da die Zellen vielleicht über viele Jahre im Körper bleiben. „Dabei müssen potenzielle Langzeitrisiken wie die Schädigung des Erbguts in den Zellen berücksichtigt werden.“

Hürden bei klinischen Studien

Der Experte betont, wie wichtig es sei, dass Europa seine Position auch im globalen Wettbewerb um medizinischen Fortschritt schützen müsse. „Während die USA lange Zeit führend waren, ist China inzwischen in der Erprobung von neuen therapeutischen Ansätzen ganz weit vorn. Es steht infrage, ob wir klinische Studien in Zukunft hauptsächlich in anderen Ländern durchführen – mit entsprechenden politischen Unwägbarkeiten – oder ob wir uns in Europa, in Deutschland, so aufstellen wollen, dass wir weiterhin eigene Therapien entwickeln und erproben können.“ Die „Nationale Strategie für gen- und zellbasierte Therapien“ will Interessengruppen zusammenbringen, um diese möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und den Biotech-Standort Deutschland zu stärken.

Deutschland verfügt über exzellente Grundlagenforschung: „Wir sind sehr innovativ und auch extrem gut in diesem Bereich.“ Herausfordernd ist jedoch der Schritt in die klinische Umsetzung – hier setzen die DZG an. So fokussierte sich beispielsweise der DZG Innovation Fund, ein gemeinsames Förderprogramm der Zentren, im Jahr 2022/23 auf das Thema Zell- und Gentherapie und unterstützt seitdem Entwicklungen, an denen fünf Zentren beteiligt sind. Es untersucht fächerübergreifend, wie molekulare Prozesse in erkrankten Zellen gezielt verändert werden können – um die Therapien zielgerichteter, zuverlässiger und wirksamer zu gestalten.

Prof. Soni Savai Pullamsetti vom Lehrstuhl für Lungen- und Gefäßepigenetik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Krankheitsbereichskoordinatorin am Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) und Principal Investigator am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (DZHK), sieht die Organ- und Zelltypspezifität als Schlüssel zur Weiterentwicklung: „Wenn wir die regenerative Medizin über Immunzellen wie CAR-T-Zellen hinaus erweitern wollen, müssen wir uns auf die Zelltypen konzentrieren, die tatsächlich Krankheiten in verschiedenen Organen verursachen. Bei pulmonaler Hypertonie sind dies vaskuläre Endothel- und glatte Muskelzellen, bei Herzinsuffizienz Kardiomyozyten und Fibroblasten und bei Diabetes pankreatische Betazellen. Omics – Methoden, die das gesamte Spektrum von Biomolekülen und deren Funktionen analysieren – sind hier von entscheidender Bedeutung, da sie es uns ermöglichen, krankes Gewebe mit Einzelzellauflösung zu kartieren und genau zu bestimmen, auf welche Zellen gezielt werden muss. Nur mit dieser Präzision können wir Therapien entwickeln, die wirksam, sicher und wirklich organ- und zellspezifisch sind.“
Zelltherapie und Gentherapie
Die Begriffe Zelltherapie und Gentherapie werden oft gemeinsam verwendet, da sie eng miteinander verwoben sind und Zelltherapien fast immer auch genetische Veränderungen nutzen. Gentherapie bedeutet die gezielte Veränderung des genetischen Materials von Zellen – meist, um Defekte zu korrigieren. Defekte Gene werden also durch gesunde ersetzt oder repariert. Das passiert häufig mithilfe von harmlosen Viren, die das richtige Gen in die Zellen bringen, oder mit sogenannten Genscheren (zum Beispiel CRISPR-Cas). Bei der Zelltherapie werden Zellen entnommen, etwa Stamm- oder Immunzellen, im Labor verändert oder vermehrt und dann wieder in den Körper gegeben. Dort sollen sie kranke Zellen ersetzen oder Krankheiten bekämpfen. Zelltherapie kann auch ohne gezielte genetische Veränderung wirksam sein – wie zum Beispiel bei Stammzelltransplantationen. Die Wiederherstellung von Körperfunktionen markiert den Übergang zur regenerativen Medizin.
DIE ERSTEN ERFOLGE SIND VIELVERSPRECHEND.
Mesenchymale Stammzellen (MSCs) und ihre extrazellulären Vesikel sind ein gutes Beispiel dafür, wie dieses Konzept bereits in regenerative Ansätze umgesetzt wird. Sie werden derzeit in klinischen Studien für Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen getestet, wo sie vielversprechende Ergebnisse bei der Unterstützung der Gewebereparatur und der Modulation von Entzündungen zeigen.

Kein Zukunftsmodell mehr, sondern Realität

Am Institut für Translationale Stammzellforschung (ITS) am Helmholtz Munich, einer Partnereinrichtung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), entwickeln Forschende neue, fortschrittliche Zelltherapien für Typ-1-Diabetes. Bei dieser Autoimmunerkrankung zerstört das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen. Ziel ist es, aus pluripotenten Stammzellen reife, funktionsfähige Betazellen zu erzeugen, die transplantiert werden können. Im Labor gelingt dies bereits sehr zuverlässig. Der nächste große Schritt in Richtung Anwendung ist die effiziente Produktion der Zellen. Hier wird der Kern der regenerativen Medizin deutlich: Sie setzt nicht auf das Bekämpfen von Symptomen oder das Abtöten krankmachender Zellen, sondern auf die Wiederherstellung und Erneuerung von Gewebe und Organfunktionen. Stammzellen besitzen das Potenzial, geschädigte oder verlorene Zellen zu ersetzen – sei es bei Diabetes, neurologischen Erkrankungen oder Herzschäden. Damit rückt ein völlig neuer Ansatz in Reichweite: Krankheiten durch Reparatur- und Regenerationsprozesse tatsächlich dauerhaft zu heilen.

Eine zentrale Herausforderung bestehe jedoch darin, diese Therapien präzise an die richtigen Zellen im richtigen Organ zu bringen. Fortschritte bei viralen Vektoren, Lipidnanopartikeln und Biomaterialien ermöglichen es, Verabreichungssysteme zu entwickeln, die sich auf bestimmte Zelltypen in der Lunge oder im Herzen konzentrieren. In Verbindung mit bioingenieurtechnischen Plattformen wie Organoidmodellen und Bioprinting sind Therapien das Ziel, die nicht nur einzelne Zellen, sondern auch die gesunde Gewebearchitektur und -funktion wiederherstellen.
„Letztendlich wird die regenerative Medizin uns von der Behandlung chronischer Krankheiten hin zum tatsächlichen Wiederaufbau geschädigter Organe führen“, so Pullamsetti. „Das ist eine Transformation, die das Gesundheitswesen in den kommenden Jahrzehnten neu definieren könnte.“

Besonders bei seltenen Erkrankungen stellt sich laut Dirk Busch die Frage, wer die Therapien herstellt: „Manche Behandlungen sind so individuell und kompliziert zu produzieren, dass es sich für normale Pharmafirmen wirtschaftlich kaum lohnt. In solchen Fällen könnten Universitäten oder Forschungseinrichtungen einspringen.“ Auch für ihn ganz persönlich sind die Entwicklungen im Feld der Zell- und Gentherapie sehr beeindruckend: „Vor einigen Jahren war das noch Theorie. Wir wurden quasi belächelt, weil wir behaupteten, dass wir Labormäuse heilen könnten.“ Heute sei das kein Zukunftsfeld mehr, sondern Realität – und das in einem beeindruckend weiten Anwendungsspektrum: „Dass jetzt Heilung für Krankheiten möglich wird, die zu Beginn meiner Karriere noch als unheilbar galten, ist wirklich bewegend.“
EINE TRANSFORMATION, DIE DAS GESUNDHEITSWESEN NEU DEFINIEREN KÖNNTE.
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