Der Experte betont, wie wichtig es sei, dass Europa seine Position auch im globalen Wettbewerb um medizinischen Fortschritt schützen müsse. „Während die USA lange Zeit führend waren, ist China inzwischen in der Erprobung von neuen therapeutischen Ansätzen ganz weit vorn. Es steht infrage, ob wir klinische Studien in Zukunft hauptsächlich in anderen Ländern durchführen – mit entsprechenden politischen Unwägbarkeiten – oder ob wir uns in Europa, in Deutschland, so aufstellen wollen, dass wir weiterhin eigene Therapien entwickeln und erproben können.“ Die „Nationale Strategie für gen- und zellbasierte Therapien“ will Interessengruppen zusammenbringen, um diese möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und den Biotech-Standort Deutschland zu stärken.
Deutschland verfügt über exzellente Grundlagenforschung: „Wir sind sehr innovativ und auch extrem gut in diesem Bereich.“ Herausfordernd ist jedoch der Schritt in die klinische Umsetzung – hier setzen die DZG an. So fokussierte sich beispielsweise der DZG Innovation Fund, ein gemeinsames Förderprogramm der Zentren, im Jahr 2022/23 auf das Thema Zell- und Gentherapie und unterstützt seitdem Entwicklungen, an denen fünf Zentren beteiligt sind. Es untersucht fächerübergreifend, wie molekulare Prozesse in erkrankten Zellen gezielt verändert werden können – um die Therapien zielgerichteter, zuverlässiger und wirksamer zu gestalten.
Prof. Soni Savai Pullamsetti vom Lehrstuhl für Lungen- und Gefäßepigenetik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Krankheitsbereichskoordinatorin am Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) und Principal Investigator am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (DZHK), sieht die Organ- und Zelltypspezifität als Schlüssel zur Weiterentwicklung: „Wenn wir die regenerative Medizin über Immunzellen wie CAR-T-Zellen hinaus erweitern wollen, müssen wir uns auf die Zelltypen konzentrieren, die tatsächlich Krankheiten in verschiedenen Organen verursachen. Bei pulmonaler Hypertonie sind dies vaskuläre Endothel- und glatte Muskelzellen, bei Herzinsuffizienz Kardiomyozyten und Fibroblasten und bei Diabetes pankreatische Betazellen. Omics – Methoden, die das gesamte Spektrum von Biomolekülen und deren Funktionen analysieren – sind hier von entscheidender Bedeutung, da sie es uns ermöglichen, krankes Gewebe mit Einzelzellauflösung zu kartieren und genau zu bestimmen, auf welche Zellen gezielt werden muss. Nur mit dieser Präzision können wir Therapien entwickeln, die wirksam, sicher und wirklich organ- und zellspezifisch sind.“