SYNERGIE – Forschen für Gesundheit
Das Magazin der Deutschen Zentren
der Gesundheitsforschung (DZG)

Newcomer im Porträt – Qihui Zhou und Thomas Wolfers

FORSCHUNG
AN VIELEN
FRONTEN
DAS LONG COVID SYMPOSIUM DER DZG MACHTE DEUTLICH: LONG COVID IST EINE KOMPLEXE MULTISYSTEM-ERKRANKUNG. DIE ACHT DEUTSCHEN ZENTREN DER GESUNDHEITSFORSCHUNG BEGEGNEN IHR GEMEINSAM: DIE FORSCHUNG KOMMT VORAN, UND MIT IHR WÄCHST DIE HOFFNUNG, DASS BESSERE DIAGNOSEN UND THERAPIEN BALD VERFÜGBAR SEIN WERDEN.
Links: Jan Heyckendorf (DZIF, DZL),
rechts: Rembert Koczulla (DZL)
Noch immer gibt es keine einfache Erklärung für Long COVID. Millionen Menschen leiden Monate nach einer Infektion an Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Atemnot oder Herzproblemen. Bisher fehlen wirksame Therapien. Umso wichtiger ist die Forschung, die das Krankheitsbild entschlüsselt. Beim zweiten Long-COVID-Symposium der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler identifizierte Krankheitsmuster vor und betonten, dass Fortschritte nur gemeinsam erzielt werden können.

So unterschiedlich die Symptome sind: Viele Spuren führen zu Störungen im Immunsystem und in Blutgefäßen. Im Darmgewebe von Patientinnen und Patienten konnten Forschende noch bis zu 22 Monate nach der Infektion Virusreste nachweisen, die das Immunsystem in ständiger Alarmbereitschaft hielten. Andere Arbeitsgruppen berichteten über Autoantikörper, die körpereigene Strukturen angreifen, oder über Reaktivierungen bereits vorhandener Viren wie Epstein-Barr. Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Entzündungsprozesse sind in fast allen Organen beteiligt.
Podiumsdiskussion zur Frage: Was brauchen Patientinnen und Patienten?
Von links nach rechts: Martin Walter (DZPG), Johanna Theobald (Long COVID Deutschland), Werner Seeger (DZL), Stefanie Dimmeler (DZHK)

Herz, Lunge, Gehirn – Long COVID ist multisystemisch

Die Kardiologin Valentina Puntmann vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) stellte die MyoFLAME-19-Studie vor, die frühe Entzündungszeichen am Herzen dokumentieren soll. Belastungstests zeigten einen ungewöhnlich starken Laktatanstieg schon bei geringer Anstrengung – ein Hinweis auf eine gestörte Energieproduktion in den Zellen. Diese Beobachtungen stützen die Hypothese, dass Long COVID mit einer Entzündung der kleinsten Gefäße und einer mitochondrialen Dysfunktion zusammenhängt – einer Störung der Energieproduktion in den Kraftwerken der Zellen.

Auch die Lunge gerät ins Blickfeld. Mit einem speziellen MRT-Verfahren zeigte Jens Vogel-Claussen vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) Durchblutungsstörungen, die Standarduntersuchungen nicht erfassen. Die neuen Bilder belegen, dass die Beschwerden mit Störungen des Gasaustauschs in den feinsten Gefäßen der Lunge zusammenhängen – und damit eine organische Grundlage haben. Das Gehirn ist ebenfalls betroffen: Omid Shervani vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) berichtete, dass viele Patientinnen und Patienten unter Fatigue leiden, also anhaltender körperlicher und geistiger Erschöpfung, sowie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisproblemen. Parallel dazu fanden DZNE-Forschende in Blutproben derselben Patientengruppen deutliche Veränderungen in Immunzellpopulationen und schlussfolgern, chronische Entzündung und Fehlsteuerungen der Abwehrzellen könnten die Funktionsstörungen im Gehirn mitverursachen.

Stoffwechsel und Risikofaktoren

Stefan Bornstein vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) betonte den engen Zusammenhang von Infektion und Stoffwechselerkrankungen. Diabetes, Adipositas und Bluthochdruck erhöhen das Risiko für Long COVID. Das Virus kann sich im Fettgewebe halten. Hoffnung macht die Beobachtung, dass das Diabetesmedikament Metformin das Risiko um 40 Prozent senkte. Aus der Epilogue-Studie berichtete Alexandra Nieters vom Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) zudem, dass Long-COVID-Betroffene oft Veränderungen im Serotoninstoffwechsel aufweisen. Der Botenstoff reguliert Stimmung, Schlaf und Energiehaushalt. Ist der Stoffwechsel verändert, könnte das ein Grund sein für Fatigue, Depression und Schlafstörungen.

Long COVID hat nicht nur körperliche, sondern auch gravierende psychische Folgen. Laut Expertinnen und Experten vom Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) leidet rund ein Drittel der Patientinnen und Patienten unter Depressionen oder Angststörungen. Schlafprobleme sind sehr häufig und hängen mit kognitiven Defiziten sowie Störungen im Energiestoffwechsel des Gehirns zusammen. Digitale Biomarker, etwa mit Wearables, könnten Krankheitsverläufe messbar und Subgruppen besser unterscheidbar machen.

Kinder und Jugendliche – zwischen MIS-C und psychosozialen Folgen

Kinder entwickeln seltener schweres Long COVID, doch das multisystemische inflammatorische Syndrom MIS-C ist eine gefürchtete Komplikation, bei der mehrere Organe gleichzeitig betroffen sind und es zu starken Entzündungsreaktionen im Körper kommt. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Zentrums für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ) zeigten, dass fehlgesteuerte T-Zellen in Kombination mit reaktivierten Viren zu überschießenden Entzündungen führen. Die COPSY-Studie belegt zudem, dass die Lebensqualität junger Menschen stark sank, psychische Erkrankungen nahmen zu. Das Netzwerk PETNET soll die Versorgung verbessern.

Johanna Theobald von Long COVID Deutschland gab der Perspektive der Betroffenen beim Symposium eine Stimme: „Wir wünschen uns, dass sie frühzeitig eingebunden werden: schon bei der Planung von Studien.“ Theobald sieht in dem Symposium ein wichtiges Zeichen: „Indem die DZG das Thema aus den Fachgesellschaften heraus in die Breite tragen, kann Long-COVID-Forschung selbstbewusster auftreten. Das baut Stigmatisierung von Betroffenen ab, aber auch die Forschenden in diesem Bereich erfahren damit eine Aufwertung. Wenn es dann noch gelingt, den Blick zu weiten auf postinfektiöse Syndrome generell, haben wir schon viel geschafft.“

Während die Mechanismen der Erkrankung nach und nach klarer werden, laufen erste klinische Studien. Maria Vehreschild vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) stellte die erste adaptive Plattformstudie in Deutschland vor, die verschiedene Therapien prüft und dabei flexibel auf erste Ergebnisse reagiert, um die besten Behandlungsmöglichkeiten schneller zu finden. Der erste Kandidat, ein antivirales und entzündungshemmendes Medikament, wird bereits getestet.
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