Herr Kempermann, Sie verdanken einen Durchbruch in Ihrer Forschung einem Laufrad in einem Mäusekäfig. Wie kam es dazu?
Das war ein faszinierendes Experiment. Ich war gerade als junger Wissenschaftler in den USA und wir haben Mäuse in einer Art Hamsterrad laufen lassen. Eine zweite Gruppe der Tiere hatte diese Möglichkeit nicht. Später haben wir unter dem Mikroskop ihre Gehirne untersucht – und ich werde nie den Moment vergessen, als ich zum ersten Mal durch das Okular geschaut habe: Der Effekt war gewaltig! Wir haben gesehen, dass das Rennen die Stammzellen im Gehirn aktiviert und neue Nervenzellen in großer Zahl gebildet werden. Das bedeutet, durch Bewegung haben sich Netzwerke von Neuronen, ihre Verschaltungen und wohl auch ihre Funktion fundamental verändert.
Jahrzehntelang ist man in der Forschung davon ausgegangen, dass das erwachsene Gehirn keine neuen Nervenzellen mehr produziert.
Das habe ich in meinem Studium auch noch so gelernt. Aber bei unserem Experiment konnten wir mit eigenen Augen sehen, dass diese Annahme falsch ist. Das, was dort im Gehirn passiert, wird als adulte Neurogenese bezeichnet – die Produktion von heranreifenden Nervenzellen unter den Bedingungen des erwachsenen Gehirns.
DAS LAUFRAD AKTIVIERTE
DIE STAMMZELLEN IM GEHIRN.
Wann wurde diese adulte Neurogenese entdeckt?
Sie wurde schon 1965 beschrieben – aber dann dümpelte das Feld jahrzehntelang vor sich hin. Man konnte sich nicht erklären, wo die neuen Nervenzellen herkommen sollten. Mitte der 1990er-Jahre hat man dann die Stammzellen des Gehirns entdeckt – und zwar am Salk Institute in Kalifornien. Zufällig war das die Zeit, in der ich dort meine Postdoc-Stelle angetreten habe.
Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Absolut! Und unsere Hypothese damals lautete, dass die adulte Neurogenese etwas mit diesen neu entdeckten Stammzellen zu tun haben könnte. Wir haben verschiedene Studien mit Mäusen gemacht – unter anderem jene mit dem Laufrad –, in denen wir sie in eine Umgebung mit vielen Reizen gesetzt haben. Und wir haben gesehen, dass diese Anreize die adulte Neurogenese anstoßen.
Lässt sich das denn so einfach auf Menschen übertragen?
Wir haben sehr gute Daten, die belegen, dass es die adulte Neurogenese auch beim Menschen gibt. Aber sie ist da natürlich viel schwieriger zu untersuchen als bei Tieren.
Welche Hirnregionen sind es denn, in denen die Nervenzellen nachwachsen können?
Bei den meisten Säugetieren geschieht die Veränderung in zwei Hirnregionen, und zwar im Riechkolben und im sogenannten Hippocampus. Wir konzentrieren uns mit unserer Forschung auf den Hippocampus, denn diese Gehirnregion ist für das Lernen und das Gedächtnis zentral zuständig und in viele gerade auch für menschliches Verhalten sehr wichtige Funktionen involviert.

WIR KÖNNEN DURCH UNSER VERHALTEN DIE BILDUNG VON NEUEN NERVENZELLEN STEIGERN.
Warum ist dieser Prozess im Gehirn eigentlich so besonders? Wenn ich eine Hautverletzung habe, wächst sie doch in der Regel auch ganz natürlich wieder zusammen.
Die Haut ist ein regeneratives Organ, das Gehirn nicht. Neurogenese ist eine Ausnahme, die nur an diesen einzelnen Schlüsselstellen stattfindet. Die Stammzellen müssen dabei eng kontrolliert werden, sonst entsteht ein Tumor. Neue Zellen sollten auch nicht überall hinwandern, sondern müssen gezielt migrieren, um sich zu vernetzen. Das ist hochkomplex. Hinzu kommt: Alle neuronalen Netzwerke müssen das sogenannte Stabilitäts-Plastizitäts-Dilemma lösen.
Was ist das?
Wenn ein Netzwerk zu stabil ist, kann man nichts mehr neu lernen. Wenn es aber wiederum zu plastisch ist, sich also leicht verändern lässt, kann man sich nichts mehr merken, weil jede neue Information immer alles umschreibt. Es braucht daher ein gutes Mittelmaß. Und beim erwachsenen Gehirn hat sich diese Balance üblicherweise herausgebildet. Neue Nervenzellen lösen das Problem auf eine ungewöhnliche andere Weise, als es sonst im Gehirn verwirklicht ist.
Wenn man nach einem Unfall wieder lernt zu sprechen oder zu gehen – ist das durch diese Neurogenese bedingt?
Nein, das ist ein anderer Prozess. Generell gilt: Wenn ich ein Stück Gehirn verloren habe, dann sind die Fähigkeiten, die darin gespeichert waren, unwiederbringlich weg. Aber es gibt viele Funktionen, die so breit abgelegt sind – und dazu zählen das Sprechen und das Gehen –, dass sie sich in Maßen wiederherstellen lassen. Leider ist es so, dass es ein nachwachsendes Gehirn nicht gibt.
Aber was passiert dann bei der adulten Neurogenese? Nimmt das Volumen des Gehirns zu – bekommt man also mehr Gehirnzellen?
Es wächst ja nicht das gesamte Gehirn, sondern nur eine spezielle Struktur im Hippocampus. Man geht davon aus, dass ein Teil der neuen Zellen bestehende ersetzt, ein anderer Teil kommt neu hinzu. Und mit den neuen Nervenzellen entstehen auch neue Nervenkontakte, also ganz neue Vernetzungen.
Kommen wir noch einmal auf die Maus im Laufrad zurück: Wie beeinflusst Aktivität beziehungsweise Bewegung, dass neue Nervenzellen entstehen?
Wir können durch unser Verhalten die Bildung von neuen Nervenzellen steigern: durch körperliche Betätigung, aber auch durch soziale Interaktion, durch Lernen – also durch vielfältige Reize, die das Gehirn bekommt.
Bei Demenzen sterben Nervenzellen ab. Lässt sich die Produktion von neuen Nervenzellen in solchen Fällen auch durch Medikamente steigern, um den Verlust auszugleichen?
Es gibt viel Forschung dazu, solche proneurogenen Medikamente zu finden. Und es ist ja auch eine interessante Vorstellung, irgendwas zu schlucken, und schon wachsen neue Nervenzellen. Das ist aber Zukunftsmusik, und wie wir gesehen haben, auch gar nicht so unproblematisch. Ich halte gerade mit Blick auf Demenzen etwas anderes für viel sinnvoller.

Gerd Kempermann
ist Sprecher des Standorts des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Dresden. Der Neurowissenschaftler ist Professor für Regenerationsgenomik an der Technischen Universität Dresden, Forschungsgruppenleiter am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. In seiner Forschung spezialisiert er sich auf die Neuroplastizität – die natürliche Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Kempermann hat in Freiburg Medizin und Humanbiologie studiert und mehrere Jahre in den USA geforscht.
Nämlich?
Die Förderung endogener Resilienzmechanismen. Denn entscheidend ist, wie wir den Hippocampus – diese zentrale Schaltstelle im Gehirn – für ein langes Leben fit halten können. Das ist ganz klassische Prävention: Es geht darum, schon frühzeitig das Leben so zu führen, dass man mögliche Probleme kompensieren kann.
Dafür gibt es ja auch den Begriff der neuralen Reserve.
Ganz genau: Das ist eine Art Pufferkapazität. Wenn wir Patienten mit Demenz betrachten, sehen wir immer wieder, dass der zelluläre Schaden und der kognitive Verlust nicht linear zusammenhängen. Bei manchen hat die Krankheit im Gehirn schon sehr viel Schaden angerichtet, aber sie kommen kognitiv noch recht gut klar. Bei anderen hingegen gibt es deutlich spürbare Aussetzer im Gehirn, obwohl der Schaden rein physiologisch noch gar nicht so weit fortgeschritten ist. Da schließt sich der Kreis zur adulten Neurogenese: Wer viele Anregungen und Anreize bekommt, bildet ein so verzweigtes Netzwerk im Gehirn aus, dass es eine höhere Pufferkapazität hat, wenn es zu Ausfällen kommt. Diese Entwicklung kann man durch eine entsprechende Lebensweise unterstützen.
Als Sie damals die Gehirne von den Mäusen aus dem Laufrad gesehen haben – sind Sie da eigentlich gleich losgezogen, um Joggingschuhe zu kaufen?
(lacht) Ich habe schon davor gerne Sport gemacht. Aber tatsächlich gehe ich bis heute regelmäßig laufen. Es muss aber nicht gleich der Dauerlauf sein. Auch regelmäßiges Spazierengehen ist gut für den Kopf. Und Denken übrigens auch.

WER VIELE ANREGUNGEN UND ANREIZE BEKOMMT, BILDET EIN VERZWEIGTES NETZWERK IM GEHIRN – EIN PUFFER FÜR AUSFÄLLE.